Die Zukunft der ländlichen Räume in Deutschland

Während Urbanisierung als globaler Megatrend anerkannt ist, rücken ländliche Räume vielfach an den Rand oder werden nur noch als rückständiges Pendant zu den Ballungsräumen wahrgenommen. Dass dies dem ländlichen Raum nicht gerecht wird, zeigt sich allein daran, dass noch immer mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands auf dem Land leben. Gleichzeitig werden über 80 Prozent der Fläche Deutschlands für Lebensmittel- und Rohstoffversorgung genutzt.

Lebensqualität, Strukturwandel und eigene Identität als zentrale Zukunftstreiber

Wie aber könnte der ländliche Raum in der Zukunft aussehen? Welche Rolle könnte er wirtschaftlich und gesellschaftlich spielen? Wie werden sich Mobilität, Infrastruktur und Flächennutzung entwickeln? Welche Perspektiven ergeben sich für Kommunen, Bürger und Unternehmen? Diese und eine Vielzahl weiterer Fragen waren Gegenstand einer systematischen Szenarioentwicklung, als deren Ergebnis sechs alternative Zukunftsbilder vorliegen, die sich anhand von drei zentralen Fragen voneinander unterscheiden:

1.    Kann sich der ländliche Raum wirtschaftliche Perspektiven sowie Lebensqualität erschließen und damit eine Abwanderung verhindern bzw. so attraktiv werden, dass er sogar wieder Zuwanderung erfährt?

2.    Wird die ökonomische Struktur im ländlichen Raum weiterhin stark durch Land- und Forstwirtschaft geprägt sein – oder kommt es zu einem signifikanten Strukturwandel in Richtung Industrie und/oder Dienstleistungen?

3.    Werden die ländlichen Gesellschaften stark individualisiert sein und sich an „urbanen Leitbildern“ orientieren oder behält bürgerschaftliches Engagement eine überdurchschnittliche Bedeutung und entwickeln ländliche Räume eigenständige Identitäten, die nicht primär darauf abzielen, städtisches Leben zu kopieren?

Aus der Kombination der Antworten auf diese drei Kernfragen lassen sich die folgenden sechs Szenarien voneinander abgrenzen:

Kornkammer Land (Szenario 1)
Das Land als Rückzugsraum und Versorgungspartner für die Ballungsräume. In einer hochindividualisierten und urban geprägten Gesellschaft haben sich die ländlichen Räume eine eigenständige Position erarbeitet: Sie differenzieren sich von den Ballungsräumen als Rückzugsgebiete mit traditionellen Strukturen, touristischer Attraktivität und aktiver Entschleunigung – bei vergleichsweise geringen Lebenshaltungskosten. Gleichzeitig hat sich eine Arbeitsteilung herausgebildet, in der sich die ländlichen Räume als Versorgungspartner der Ballungsräume verstehen – insbesondere bei Lebensmitteln und regenerativen Energien. Insgesamt empfinden die Menschen beim Leben auf dem Land eine hohe Lebensqualität.
Wirtschafts-Wunder-Land (Szenario 2)
Die gute Wirtschaftslage auf dem Land lockt Unternehmen und Bevölkerung. In einem allgemeinen Wachstumsumfeld haben die ländlichen Räume aufgeholt – umfangreiche Förderung hat den Strukturwandel stark beschleunigt, so dass sich Lebensstile und Lebensgewohnheiten nur noch wenig unterscheiden. Gleichzeitig ist das urbanisierte Landleben deutlich kostengünstiger, so dass gerade Familien wieder zurück "ins Grüne" ziehen. Unterstützt wird dieser Trend von öffentlichen und neuen Mobilitätsangeboten.
Dorf Deluxe (Szenario 3)
Das Land als attraktiver Lebensraum im globalen und digitalen Umfeld. Viele Ballungsräume sind an ihre Grenzen gestoßen. Wer es sich leisten kann, lebt lieber wieder auf dem Land, wo sich bürgerschaftliches Engagement entfaltet und intelligente Steuerungskonzepte etabliert werden. Hinsichtlich der Infrastruktur sind keine Unterschiede zu urbanen Räumen mehr erkennbar. Insbesondere die Digitalisierung hat neue Möglichkeiten geschaffen – beispielsweise für wohnortnahes Arbeiten oder erlebnisorientiertes Online-Shopping. Dafür treten primär urbane Lösungskonzepte wie traditioneller ÖPNV in den Hintergrund.
Rentner-Residenz (Szenario 4)
Der ländliche Raum positioniert sich über Dienstleistungen, Tourismus und als Wohnort für die ältere Generation. Die ländlichen Räume haben sich dem industriellen Standortwettbewerb entzogen und sich stattdessen – gestützt auf umfangreiche Wirtschaftsförderung – auf Dienstleistungen sowie die wachsende Zielgruppe älterer Menschen fokussiert, denen eine hohe Lebensqualität geboten wird. Als Konsequenz dieses gezielten Strukturwandels sind viele junge Menschen und Familien abgewandert. Die Infrastruktur hat sich den neuen Gegebenheiten angepasst – beispielsweise über touristische Angebote, umfangreiche Pflegeleistungen, aber reduzierte Bildungsaufwendungen.
Langsam-Land (Szenario 5)
Ländlicher Raum stagniert in der Entwicklung – Die "Verzicht"-Gesellschaft besinnt sich auf traditionelle Strukturen. In einem kritischen Wirtschaftsumfeld müssen sowohl ländliche als auch urbane Räume neue Wege finden. Da die ländlichen Regionen im klassischen Standortwettbewerb kaum Chancen haben, kommt es zu einer Rückbesinnung auf traditionelle Strukturen und Lebensweisen. So ersetzen ehrenamtliche Aktivitäten viele Leistungen, die bisher von der öffentlichen Hand kamen. In einem konsum- und technikskeptischen Umfeld bleiben Infrastrukturen unterentwickelt. Es kommt zu einer sich verfestigenden Stagnation, die vor allem junge Menschen als geringe Lebensqualität empfinden.
Landflucht Total (Szenario 6)
Ländliche Räume geraten in eine Abwärtsspirale - Wirtschaft und Bevölkerung wandert ab. Die Schere zwischen prosperierenden urbanen Regionen und den ländlichen Räumen öffnet sich immer weiter. Wirtschaft und Arbeitsmarkt geraten in eine Abwärtsspirale: Viele Infrastrukturen können angesichts der kritischen Lage nicht mehr erhalten werden und die Verwaltungen schränken ihre Leistungen mehr und mehr ein. Die Lebensqualität auf dem Land geht immer weiter zurück – selbst deutliche Vorteile bei den Lebenshaltungskosten können die breite Abwanderung nicht stoppen.

Die einzelnen Szenarien – ebenso wie ihr Zustandekommen und ihr Zusammenspiel – sind in eine Szenariostudie eingeflossen, die kostenlos heruntergeladen werden kann (siehe rechts).

Mit Szenarien zu zukunftsrobusten Entscheidungen in Kommunen und Regionen

Die vorliegenden Szenarien können in Kommunen und Regionen als Startpunkt für eine offene Diskussion über die strategischen Perspektiven und Möglichkeiten genutzt werden. Gleichzeitig können sie auch als Basis verwendet werden, um eigene, spezifische Szenarien zu entwickeln. Gerne geben wir Auskunft über die konkreten Nutzungsmöglichkeiten und stellen entsprechende Anwendungsbeispiele vor.