Post-Corona-Szenarien

Solange die COVID19 nicht überwunden ist, steht die Bekämpfung der Pandemie im Mittelpunkt des Interesses. Zusätzlich zu diesem Blick auf die nähere Zukunft wird zunehmend die Frage gestellt, wie unsere Welt nach der Pandemie aussieht: Werden wir zu alten Lebensgewohnheiten und Konsummustern zurückkehren oder gibt es ein "New Normal" - und wie könnte dies aussehen?


Die Fragen zur Zukunft von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik nach der Corona-Pandemie sind zahlreich: Wie werden Unternehmen und Branchen dastehen? Führt Corona zu einer De-Globalisierung mit kürzeren Lieferketten, wird multilaterale Kooperation als Lösungsansatz stärker akzeptiert – oder greifen beide Entwicklungen ineinander? Werden sich Arbeitsabläufe signifikant verändern? Wird das Leitmotiv der Solidarität innerhalb von Gesellschaften oder zwischen Staaten gewinnen oder verlieren? Wird sich die gesellschaftlich-politische Sicht auf die Daseinsvorsorge verändern – und was bedeutet dies für Regulierung, die Rolle der öffentlichen Hand, oder konkret unser Gesundheitssystem? Und wird in der Gesellschaft der Wunsch nach neuer Normalität dominieren – oder der Wunsch nach Veränderung, in welche Richtung auch immer? Diese und viele weitere Fragen hat die ScMI AG gemeinsam mit 80 ExpertInnen in einem offenen Onlineprozess aufgegriffen und acht verschiedene sogenannte Post-Corona-Szenarien entwickelt und in einer Zukunfts-Landkarte zusammengefasst.

 

Die acht Post-Corona-Szenarien sind keine Prognosen, sondern „Denk-Werkzeuge“. Sie sollen Entscheidern in Unternehmen, Organisationen und öffentlichen Institutionen helfen, in der gerade heute von hoher Ungewissheit geprägten Situationen bessere Entscheidungen zu treffen:

Die goldenen Zwanziger (Szenario 1)
Die goldenen Zwanziger - Die alte Normalität ist zurück (Szenario 1): Die Erinnerung an COVID19 als kurzzeitigem Schock verblasst – die Welt hat ihre Pandemieerfahrung verdrängt, ist zu alter Normalität zurückgekehrt. Selbst der wirtschaftliche Einbruch konnte in den meisten Ländern zügig überwunden werden – und so will man sich jetzt auch nicht von neuen, weniger akuten Krisen wie dem Klimawandel aus seiner wiedergewonnenen Routine reißen lassen. Die deutsche Wirtschaft hat sich weiter auf ihre Schlüsselindustrien konzentriert und ihre Position als Exportweltmeister in einem wiedererstarkten Freihandelssystem ausgebaut. Dafür bleibt Deutschland bei der digitalen Transformation weit hinter anderen zurück. Das erfolgreiche Krisenmanagement hat zu einer nachhaltigen Stärkung der politischen Mitte geführt. Angst und Unsicherheit sind weitgehend vergessen und das alte Lebensgefühl mit ausgeprägtem Individualismus ist zurückgekehrt. Physische Kontakte dominieren wieder den Alltag; die Menschen folgen den alten Mobilitäts- und Konsummustern und holen verpasste Freizeit- und Konsumchancen »distanzlos« nach. Verbunden mit der neuen Sorglosigkeit sind der Verzicht auf ausgewiesene Resilienzstrategien oder systemische Veränderungen im Gesundheitswesen.
Das pandemische Jahrzehnt (Szenario 2)
Das pandemische Jahrzehnt - Resilienz als nues Leitmotiv (Szenario 2): COVID19 war nur der Anfang: Neue Pandemien verändern alle Lebensbereiche und drängen die Wahrnehmung anderer Krisen wie den Klimawandel zurück. Die Weltgemeinschaft stemmt sich gemeinsam gegen die neue Bedrohung. Allerdings kann nicht einmal die Rückkehr zu multilateralem Denken und freiem Welthandel verhindern, dass die Maßnahmen immer wieder zu wirtschaftlichen Einbrüchen und einer insgesamt reduzierten Innovationsdynamik führen. Die deutsche Wirtschaft setzt auf ihre Schlüsselindustrien und kann ihre Position dort weitgehend halten. Die Pandemie-Fokussierung führt zu hohem Sicherheitsbedürfnis und letztlich dazu, dass Gesundheitssysteme und Politik im Allgemeinen so ausgerichtet werden, dass sie mit möglichen Pandemien deutlich besser als bisher umgehen können. Dazu zählt auch die Anpassung der Entlohnungssysteme, also die verbesserte Bezahlung resilienzrelevanter Berufe. Das Konsumklima leidet unter der kritischen Wirtschaftslage und der zunehmenden Abgabenlast. Gesellschaftliches Leben findet in kleineren Einheiten statt – überfüllte Städte verlieren an Attraktivität.
Abschied vom Gewohnten (Szenario 3)
Abschied vom Gewohntem - De-Globalisierung und Konsumverzicht (Szenario 3): Pandemien sind nicht alles: eine Vielfalt von Krisen erschüttert die Menschheit. Massive Umwelt- und Klimaprobleme zwingen Politik, Wirtschaft und Konsumenten zu veränderten Prioritäten. Global entsteht ein System verschiedener Interessensphären – ebenso wie innerhalb der Europäischen Union. Innerhalb der neuen Blöcke wird zunehmend regional produziert, so dass sich die globalen Warenströme reduzieren. In der deutschen Wirtschaft kommt es zu einem  Paradigmenwechsel: Wachstum um jeden Preis gibt es nicht mehr und der ehemalige Exportweltmeister muss sich neu erfinden. Vielfältige Innovationen fördern den nachhaltigen Strukturwandel und auch in der digitalen Welt setzen sich regionale Ansätze durch, bei deren Umsetzung deutsche Unternehmen sehr erfolgreich sind. In der Politik verschieben sich die Gewichte in Richtung stärkerer Regulierung und höheren öffentlichen Einflusses. Sowohl die öffentliche Hand als auch Unternehmen verstärken ihre Vorausschau und setzen zunehmend auf Resilienzstrategien. Die breite Rückbesinnung auf nachhaltige Werte führt zu einem bewussten Konsumverzicht. Virtuelle Kommunikation wird vielfältig genutzt – aber als Ergänzung zu den nach wie vor dominanten und von den Menschen aktiv gepflegten physischen Kontakten. Gesellschaftliches Leben fokussiert sich auf lokale Einheiten und das Leitbild urbanen Lebens verliert an Glanz.
Neue globale Dynamik (Szenario 4)
Neue globale Dynamik - Faires Wachstum in kooperativen Strukturen (Szenario 4): COVID19 ist von allen Menschen als einschneidendes Ereignis wahrgenommen worden und hat global zu einem Umdenken geführt. Transnationale Politik hat an Durchschlagskraft gewonnen und neue Rahmenbedingungen geschaff en. So ist ein faires Freihandels-System entstanden, das die Rückkehr zu  weltwirtschaftlicher Dynamik ermöglicht hat. Deutschland profitiert von dieser neuen Dynamik und entwickelt sich zum Treiber für den Strukturwandel. Dazu zählt auch, dass Europa mit dem Fokus auf offene Architekturen zu einem führenden Digitalstandort auf Augenhöhe mit den USA und China avanciert ist. Verbunden ist dies mit signifikanten Veränderungen des Arbeitsmarktes, der Arbeitsverhältnisse und der Entlohnungssysteme. Beruflicher Erfolg ist in dieser Welt untrennbar mit Sinnstiftung und persönlicher Entwicklung verbunden. Die gestärkte politische Mitte etabliert nachhaltige Resilienzstrategien. Neue Pandemien und Krisen sind zwar existent, werden im Alltag aber nicht mehr als bedrohlich wahrgenommen. Herausforderungen wird mit globaler Verantwortung, vor allem aber auch Offenheit und Neugierde begegnet – Freude an Innovation dominiert und Bildung ist essentiell, ebenso wie hochwertige Informationsangebote.
Massive Virtualisierung (Szenario 5)
Massive Virtualisierung - Sicherheit und neue Nähe (Szenario 5): Während die wirtschaftlichen Folgen von COVID19 relativ schnell überwunden waren, ging mit der Pandemie ein anderer Paradigmenwechsel einher: überall auf der Welt und auch in Deutschland setzen sich digitale Angebote durch und verändern das Wirtschafts- und Arbeitsleben sowie den Alltag. Damit entsteht ein zunehmend globales Bewusstsein; Technologien und Innovationen werden in multilateralen Kooperationen entwickelt. Die EU profiliert sich als verantwortungsbewusster Digital Player und gewinnt an Profil und Identität. Die Politik ist offen für vielfältige Experimente und Reformen, bis hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen. Allerdings geht die digitale Transformation auch mit einer größeren Datenoffenheit einher – aber von Überwachung sprechen nur noch Wenige. Die neue digitale Welt beinhaltet auch neue Möglichkeiten für faktenbasierte Medien und führt insgesamt zu Transparenz und einem produktiven gesellschaftlichen Diskurs. Im Alltag entwickelt sich ein durch Risikovermeidung, nicht aber Hysterie geprägter Lebensstil, der Elemente von Social Distancing sowie Prosperität abseits von Städten enthält. Die massive Virtualisierung des Alltags ist auch mit signifikant geändertem Kaufverhalten verbunden. Besitz und der physische Einkaufsprozess verlieren in dieser Welt an Bedeutung.
In Corporate Hands (Szenario 6)
In Corporate Hands - Fortschritt auf Kosten von Teilhabe (Szenario 6): Der Entschleunigung während der COVID19-Pandemie ist eine massive Beschleunigung von Wirtschaft und Alltag gefolgt. Das Arbeitsleben ist massiv flexibilisiert und neue Technologien werden in einem hochinnovativen und global offenen System entwickelt. So können neue Pandemien durch medizinisch-biologischen Fortschritt frühzeitig unterdrückt werden, was aufwändige Resilienzstrategien unnötig macht. Die Weltpolitik wird zunehmend von global orientierten und langfristig vorausschauenden Unternehmen geprägt, die durch ihre Innovationskraft den traditionellen Nationalstaaten und multilateralen Organisationen überlegen sind. Ungeregelte Standortwettbewerbe verhindern globale Problemlösungen und innerhalb der Gesellschaften verstärken die vielerorts privatisierten Bildungs- und Sozialsysteme die Disparitäten. Die deutsche Wirtschaft erlebt einen Innovationsschub, wandelt sich rasant und baut starke Weltmarktführer auf, die ihrerseits politischen Einfluss nehmen, die Rolle des geschwächten Staates unterminieren und eine schleichende Systemkrise heraufbeschwören. Im Alltag bietet die zunehmende Virtualisierung zwar zahlreiche Problemlösungen – bewirkt aber auch die Ruhigstellung derjenigen, die in der beschleunigten Digitalwelt nicht mehr mithalten können. Am Ende steht häufig soziale Vereinsamung.
Die kontinuierliche Krise (Szenario 7)
Die kontinuierliche Krise - Nährboden für autoritäre Ideen (Szenario 7): Zwar waren die gesundheitlichen Folgen von COVID-19 schnell überwunden, aber es ist weltweit zu einer schweren und langanhaltenden Rezession mit einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit gekommen. Gleichzeitig haben die Rettungsmaßnahmen die Abkehr vom globalen Welthandel verstärkt und die weltwirtschaftliche Dynamik gebremst. Die Welt ist in verschiedene Einflusssphären zerfallen, die in ihrer Technologie- und Innovationspolitik nach höherer Autarkie streben. Die Europäische Union stagniert und fällt im globalen Wettbewerb der Georegionen zurück. In dieser Welt vielfältiger Krisen und Konflikte setzen die Verantwortlichen andere Prioritäten als den Umwelt- und Klimaschutz. Die deutsche Wirtschaft verharrt mut- und ideenlos in traditionellen Strukturen und verliert im globalen Standortwettbewerb an Bedeutung. Für Investitionen in F&E ist immer weniger Spielraum – die Innovationsfähigkeit geht strukturell zurück. Faktenbasierte Medien und unabhängige Wissenschaften finden in der aufgewühlten Stimmungs-Demokratie immer weniger Gehör. So geht mit der Destabilisierung auch der Wunsch nach einer »Politik der starken Hand« einher. Die Menschen empfinden die erstarrten Bildungs-, Sozial- oder Gesundheitssysteme zwar als ungerecht, können aber in der von Einzelinteressen und Besitzstandwahrung dominierten Welt gesellschaftlich kein Einvernehmen über Reformen oder notwendige Resilienzstrategien erzielen. Traditionelle Konsummuster werden verteidigt und die Virtualisierung des Alltags bleibt oberflächlich.
Zerfall der Ordnung (Szenario 8)
Zerfall der Ordnung - Kontrollverlust und Entsolidarisierung (Szenario 8): COVID19 hat weltweit eine ungeahnte Abwärtsspirale in Gang gebracht. Bereits mit der ersten schweren und langanhaltenden Rezession waren ein sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit und vielfältige gesellschaftliche Konfl ikte verbunden. Gleichzeitig haben die Nationalstaaten ihre Heimatmärkte immer stärker abgeschottet, was die Weltwirtschaftskrise verschärft und das globale Vertrauen untergraben hat. Weltpolitisch sind autoritäre und nationalistische Kräfte auf dem Vormarsch. In der Folge kam es zu einer Destabilisierung des globalen Finanzsystems mit zahlreichen Staatsbankrotten und unvermeidbare Schuldenschnitten. Selbst die EU ist von starker Desintegration geprägt. Vor den immer offensichtlicheren Umwelt- und Klimafolgen verschließen die Verantwortlichen ihre Augen. Die um ihre Exportmärkte gebrachte deutsche Wirtschaft gerät ebenfalls in den Abwärtssog, so dass viele geschwächte Unternehmen von globalen Wettbewerbern übernommen werden. Selbst im vormals stabilen Deutschland bestimmen zunehmend teil-autoritäre Kräfte das politische Geschehen, was die Umsetzung von Resilienzstrategien und Reformen im Bildungs-, Sozial- oder Gesundheitssystem verhindert. Bei den Menschen führen Ungewissheit und off ensichtlicher Kontrollverlust zu einem Rückzug in ihre engen, privaten Räume und bequemen „Wissensblasen“. Der soziale Zusammenhalt und die gemeinsame Identität gehen verloren. Jeder kämpft im Alltag um seine Privilegien (oder die seines Clans), wobei immer mehr Menschen in dieser enthemmten Ellenbogen-Gesellschaft zurückbleiben und ihren Konsum einschränken müssen, was die Abwärtsspirale in Gang hält.

 

In einer Vorab-Bewertung im Mai 2020 wiesen alle acht Post-Corona-Szenarien noch nahezu identische Erwartungswerte auf, die Ungewissheit während der ersten Pandemiemonate war extrem hoch. In einer neuen Bewertung durch Befragte aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zukunftsforschung und Beratung sowie jungen Menschen im Herbst/Winter 2020 ergab sich ein neues und differenziertes Bild. Dabei wurde deutlich, dass die ExpertInnen für die 2020er-Jahre vor allem mit einer strukturellen Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft rechnen. Dazu zählen eine Zunahme der Innovationsgeschwindigkeit, erhebliche Veränderungen von Wirtschaftsstrukturen, Arbeitsweisen und Konsummustern sowie eine massive Virtualisierung unseres Alltags. Wesentlicher Treiber dieses Wandels wird die Klimakrise sein, die während der Pandemie in den Hintergrund getreten ist, in der Post-Corona-Zeit aber Politik, Unternehmen und Konsumenten zu veränderten Prioritäten zwingen wird.

 

Die Ergebnisse des offenen Online-Szenarioprozesses sind in einer Studie zusammengefasst, die Sie kostenlos herunterladen können. Die ScMI AG und ihre Partner werden den Post-Corona-Szenarioprozess auch in diesem Jahr fortführen. Wenn Sie frühzeitig über neue Ergebnisse informiert werden oder sich an den weiteren Aktivitäten zu unseren Post-Corona-Szenarien beteiligen möchten, dann können Sie uns einfach eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!senden.

 

 

Die Szenarien sind in Zusammenarbeit mit den folgenden Partnern entstanden:

 

 

 

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